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Homeschooling und seine Auswirkungen auf die Kinder

Viele Erwachsene vertreten die Meinung, dass sich Schulkinder in Zeiten Homeschooling pudelwohl fühlen müssten. Kein frühes Aufstehen, keine Proben, kein voller Freizeitplan – all das sollte Schüler „entstressen“. Laut einer Forsa Umfrage bei Eltern und Schulkindern zwischen 10 und 17 Jahren im Auftrag der DAK scheint diese Annahme nicht auf alle Kinder zuzutreffen. In dieser Studie sind rund 1000 Erwachsene und jeweils ein dazugehöriges Kind befragt worden. Demnach geben 37 % der 16-17-Jährigen an sich besser zu fühlen, 28 % fühlen sich schlechter. Über alle Altersstufen hinweg gibt jedes dritte Kind psychosomatische Beschwerden an. 
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Homeschooling stresst Eltern und Kinder gleichermaßen

Professor Reiner Hanewinkel aus Kiel (Institut für Therapie und Gesundheitsforschung) untersucht seit vier Jahren die Kinder- und Jugendgesundheit. Er ging davon aus, dass Kinder und Jugendliche während der Lockdown-Zeit weniger Stress empfinden. Denn Stress wird bei Kindern im Wesentlichen durch drei Arten ausgelöst:

• Schulischer Stress (z. B. Hausaufgaben, Leistungsnachweise)
• Stress durch Freizeit (enger Terminkalender mit Freunden und Freizeitaktivitäten)
• Stress durch Familie (Geschwister, Eltern)

Homeschooling erhöht den Stress in der Familie

Homeschooling sollte demnach durch Wegfall der ständigen Leistungsabfragen in der Schule und des eng getakteten Freizeitkalenders weniger Stress verursachen. Allerdings scheint der innerfamiliäre Stress doch bedeutsam zu sein. Die Doppelbelastung vieler Eltern, – vor allem der Mütter! – ihrer beruflichen Tätigkeit gerecht zu werden und gleichzeitig Kinder im Homeschooling zu betreuen, führt zu hoher Anspannung innerhalb der Familie – und zu Stress! Somit gaben 22 % der Kinder an, mehrere Male pro Woche unter Schlafproblemen zu leiden. 11 % beklagten auch Bauch- und Kopfschmerzen.

Psychosomatische Beschwerden

Eine Erklärung für diese Beschwerden könnte der Wegfall eines strukturierten Tagesablaufs sein. Späteres Aufstehen und unregelmäßige Tagesabläufe führen zu einer Beeinflussung des Tag-Nacht-Rhythmus und damit zu Ein- und Durchschlafstörungen. Die körperlichen Beschwerden zeigen einen Bezug zu psychosomatischen Störungen/Erkrankungen, d.h. es fehlt meist eine eindeutig organische Ursache. Sollten weiterhin Kontaktbeschränkungen aufrechterhalten werden, besteht die eindeutige Gefahr der Chronifizierung dieser Beschwerden und der Entwicklung von psychischen Erkrankungen.

Glücklicherweise ist Lockerung in Sicht

Laut Prof. Hanewinkel ist das hohe Stresspotenzial speziell jüngerer Kinder sehr auffällig und steht nicht im Einklang zu Studienergebnissen vor Coronazeiten. Auch wir können dies in unserer Kinderarzt-Praxis verstärkt beobachten. Vor der Corona Pandemie gab es einen Altersgradienten: das bedeutet, je älter die Kinder, desto mehr Stress. In dieser Studie zeigt sich nun, dass vor allem jüngere Kinder belastet sind. Das hat verschiedene Gründe: Jüngere Schulkinder benötigen deutlich mehr Anleitung durch die Eltern im Homeschooling, z. B. für das Handling der digitalen Medien. Diese müssen aber häufig auch ein kleineres Geschwisterkind „nebenher“ betreuen und gleichzeitig arbeiten – unter Umständen im Homeoffice, auf beengtem Raum und mit nur einer begrenzten Anzahl von Endgeräten (viele haben nur ein Tablet oder einen Computer).

Nach Homeschooling – Stress bewusst abbauen

Eines ist klar: Stressabbau gelingt im Allgemeinen am besten durch körperliche Bewegung und Sport sowie durch entspannende soziale Kontakte mit Freunden, in der Schule und im familiären Umfeld. Nachdem sportliche Betätigung und selbst Bewegung im Freien – gerade für Stadtkinder in Wohnungen ohne Garten – in den letzten Monaten nur bedingt möglich waren, können wir nun für unsere Kinder froh sein, dass die Kontaktbeschränkung allmählich aufgehoben werden und alle Kinder wieder die Betreuungseinrichtungen und Schulen, zumindest im Intervall, besuchen dürfen.

 

 

 

Foto: shutterstock | credits @ Fabio Principe

 

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