Rechenschwäche: Sind die Lehrer schuld - oder die Gene?

Für Kinder mit Dyskalkulie sind Zahlen häufig nur merkwürdige Zeichen. Können Kinder gut Auswendiglernen, bleibt die Rechenschwäche oft lange unentdeckt.

  • Die Rechenstörung ist international als Krankheit anerkannt, die Ursachen sind aber vollkommen unklar.
  • Selbsthilfeverbände und Psychiater fordern die Diagnostik, aber es gibt Zweifel, ob
  • sie Schülern hilft oder gar schadet.
  • Oft lassen sich die massiven Schwierigkeiten im Rechnen mit einer Therapie lindern aber nur durch ein ärztliches Gutachten gibt es die Chance auf eine finanzielle Unterstützung.

Wenn manche Kinder am Schuljahresende ihr Zeugnis sehen werden sie häufig denken Mathe ist doof! Viele von ihnen hätten für eine bessere Note vielleicht nur mehr lernen müssen. Andere haben genau das getan, bis sogar Mama und Papa an 25 plus 16 verzweifelt sind. 

Falls Matheüben nicht hilft, kann das daran liegen, dass Kindern- oder Jugendlichen und Erwachsenen ein grundsätzliches Verständnis für Mengen und Zahlen fehlt. Zahlenreihen, die auswendig gelernt wurden, können sie oft an den Fingern abzählen, aber das neun mehr als vier sind, das wissen sie nicht. Sie können nicht schätzen, wo auf einer Linie, die den Abstand zwischen 0 und 100 beschreibt, die 50 liegt. Auch fällt es ihnen schwer zu sagen, welches von zwei unterschiedlich dicken Büchern mehr Seiten enthält.


Natürlich sind diese Kinder mit Bruchrechnen in der vierten Klasse überfordert. Leider sind die Ursachen völlig unklar. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie (BVL) hält sich an die Weltgesundheitsorganisation: Die hat das Phänomen „Rechenstörung“ in ihre internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen. „Wir sprechen von einer lang andauernden Beeinträchtigung, die auf einer genetischen Disposition beruht, einer neurobiologischen Störung“, sagt BVL Sprecherin Annette Höinghaus.


Bei vielen Kindern kann die Dyskalkulie erst neuerdings attestiert werden, denn Experten gingen lange Zeit davon aus, dass sie nur Menschen betrifft, die in anderen Fächern viel besser sind. Neuste Studien widerlegen diese Theorie: „Rechenstörungen können bei sehr Intelligenten und weniger Intelligenten gleichermaßen auftreten, auch zusammen mit Legasthenie“, sagt Gerd Schulte-Körne. Er lehrt am Klinikum der Universität München und hat sich auf schulische Entwicklungsstörungen spezialisiert.

 

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Sind die Kinder einfach schlecht unterrichtet worden?


Was in den Köpfen von Kindern vorgeht, für die Zahlen nur seltsame Zeichen sind, versuchen Mediziner herauszufinden. „Es gibt Hirnregionen, die bei Rechenfunktionen besonders stark anspringen. Bei Kindern mit Rechenstörung hat man festgestellt, dass die Regionen verzögert oder weniger stark aktiviert werden“, erklärt er. Eine Rechenstörung lässt sich allerdings nicht zweifelsfrei feststellen.
Die Ursachenforschung ist noch ganz am Anfang, sagt Schulte-Körne. Über allem stehe die Frage: „Was ist angeboren, was ist erworben?“


Der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer forscht an der Universität Paderborn zur Entwicklung des mathematischen Denkens von Kindern. Aus Gesprächen mit Rechentherapeuten und eigenen Erfahrungen mit rechenschwachen Kindern zieht er einen anderen Schluss – die Kinder seien einfach schlecht beschult worden. „Weder Lehrer noch Forscher wissen weiter, den Kindern wird einfach ein Label auf die Stirn geklebt“, kritisiert er. Meyerhöfer will nicht behaupten das alle Kinderköpfe gleich funktionieren. Er will aber auch nicht akzeptieren das sich die Schulen aus der Verantwortung reden. „Die Lehrer sagen: Das Kind ist krank, ich kann nichts dafür, dass es nicht rechnen kann.“ Das sei eine neue Form der Stigmatisierung. Er spricht eher von besonderen Schwierigkeiten im Rechnen statt von Dyskalkulie.


Auch von Eltern hört Annette Höinghaus vom BVL das Lehrer, Kinder mit attestierter Rechenstörung hängen lassen würden. Dennoch hält sie die medizinische Diagnostik für hilfreich. Es ist eine große Entlastung für Eltern und Kinder wenn bewiesen ist, dass das Kind weder zu faul ist noch etwas falsch macht. Nur Psychiater oder sozialpädiatrische Zentren könnten andere Ursachen ausschließen und ergründen, wie dem Kind zu helfen sei.

Nur mit Diagnose zahlt der Staat die Therapie aber die kann ein Stigma sein.

Studien geben einem zu denken: Wenn man Lehrer glauben lässt, bestimmte Schüler seien hochintelligent, schneiden diese nach einem Jahr tatsächlich besser ab. Wenn Menschen überzeugt sind das sie in einem Test versagen, gelingt ihnen in der Prüfung weniger als sonst. Es gilt als erwiesen, dass sich Menschen an Erwartungen von der Gesellschaft anpassen. Das könnte für Kinder mit einer diagnostizierten Dyskalkulie bedeuten – sie werden aufgegeben, oder geben sich selbst auf. Das ist aber Unsinn, nach Ansicht aller Experten führen Rechentherapien fast immer zu einer Verbesserung.
Die weitere Schwierigkeit an dem Stempel ist, dass er Geld wert ist. Ohne Diagnose wird die Rechentherapie vom Jugendamt nicht übernommen. Etwa 250 Euro kostet die Therapie die Eltern monatlich. Diese zahlt das Jugendamt nur unter besonderen Voraussetzungen. Unter anderem muss ein Arzt attestieren, dass das Kind von einer Rechenstörung bereits eine seelische Behinderung davongetragen hat oder ihm dieses Schicksal droht. Kinder, die mit Zahlen zu kämpfen haben, müssen darunter erst massiv psychisch und emotional leiden, bevor der Staat ihnen hilft – ein Teufelskreis.

Eltern, die außerhalb der Schule Hilfe bei Mathematikschwierigkeiten suchen, können Förderinstitute und Rechentherapeuten auf der Website des BVL finden – z.B. das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche mit Test- und Beratungsstellen in ganz Deutschland. Garantien gibt es freilich nicht: Die Berufsbezeichnung Rechentherapeut ist ungeschützt.

https://www.bvl-legasthenie.de/

 

 

 

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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